Wohnen mit Multipler Chemikaliensensibilität (MCS): mein täglicher Drahtseilakt

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Wie ich im vorigen Post über das Alltagsleben mit Multipler Chemikaliensensibilität (MCS) bereits beschrieb, ist es für Betroffene nahezu unmöglich, uns in „zivilisiertem“ Umfeld aufzuhalten. Überall, wo der Mensch ins Leben oder die Natur eingreift, also auch auf dem Land mit Pestiziden, werden wir getriggert.

Um so wichtiger ist es, wenigstens ein Zuhause zu haben, wo möglichst wenig Vergiftungsreaktionen ausgelöst werden. Wer nicht gerade auf eine einsame Berghütte ziehen möchte – oder kann – der steht nun vor einem nahezu unlösbaren Problem. Und so erging es mir bisher:

Zu Besichtigungen fahren?

Mit riechendem ÖPNV oder auch riechendem Auto irgendwo hin. Sich mit 70 parfümierten Menschen in eine frisch gestrichene Wohnung drängen. Dort schön den neu verlegten Laminatboden inhalieren oder den Lack neuer Türrahmen. Und ganz fix überlegen, ob und was man davon ohne 10.000 Euro Kosten wieder rück-renovieren könnte.

Ich mußte 2017 in Hamburg nicht „nur“ eine Wohnung finden, sondern eine, die nicht frisch gestrichen war (fielen also gleich 95% weg), aber auch nicht so verranzt, daß ich selber sofort streichen müßte.

Und nicht von einem Raucher. Und nicht über oder unter einem Raucher. Und schimmelfrei. Und nicht in der Nähe von Geschäften oder Werkstätten. Und ohne Laminatboden. Und ohne Teppichboden. Und ohne ausgasende Wandmaterialien wie OSB-Platten. Und ohne Lack auf dem Parkettboden. Und ohne Einbauten in Küche oder Bad, die nicht mindestens ein Jahr alt sind. Und ….

Nichts ist für Chemikaliensensible so schwierig, wie ein Zuhause zu finden!

Merkwürdigerweise hatte ich in allen schon rund 20 Altbau-Wohnungen in Stockholm kein einziges Mal ein MCS- oder Schimmel-Problem. Die Häuser riechen auch nie so moderig im Erdgeschoß wie hier in Hamburg die meisten Altbauten. Ob mir das was sagen sollte?

Wenn man eine Wohnung gefunden hat, die zumindest nicht schon bei der kurzen Besichtigung triggert, geht der Spaß ja erst richtig los.

Etwas anstreichen oder lackieren?

Freundin S. und ich strichen im Rahmen eines Zimmertauschs mit angeblich lösungsmittelfreier Wandfarbe, die ich vorher auf kleiner Fläche getestet hatte, ein Zimmer. Es dauerte viele Monate inklusive komplettem Entfernen aller Wandbeläge, bis dieser Chemikalien-GAU behoben war und ich das Zimmer wieder benutzen konnte.
Daraus gelernt: lösungsmittelfrei ist nicht lösungsmittelfrei. Sondern nur unterhalb einer Deklarationsgrenze.

Es ist sehr kompliziert für mich, eine Wohnung zu streichen. Selbst wenn ich die Farbe vertrage, die ich auftragen will: meist ist ja noch alte Farbe auf der Wand. Und die wird feucht, wenn die neue darüber kommt. Und dann dünstet die alte Chemiepestilenz aus.

Ein Lebensabschnittsmann strich mir mal hingebungsvoll ein schwarzes Regal weiß. Wir ließen es in meinem Arbeitszimmer bei offenem Fenster zum Auslüften. Nach drei Monaten, in denen ich das Zimmer nicht benutzen konnte, verlor ich die Nerven. Das hübsch gestrichene Regal ging als Geschenk an Freundin S. und ich packte die Sachen weiterhin in eine nicht stinkende Kiste.

Polstermöbel kaufen?

Nach meiner Rückenoperation konnte ich nicht mehr auf meinen geerbten, ausgedünsteten Sofa sitzen. Ich recherchierte monatelang und ließ mir von Herstellern so detailliert verwendete Materialien aufzählen, daß ich das Ding fast hätte selber bauen können.

Trotz vorheriger Erkundigungen stank mein „gesundes“ Traumsofa extrem nach Kleber und Co. Vier Monate verzichtete ich auf mein großes Wohnzimmer. Ja, ich bin ein beharrlicher Mensch.

Mit viel Glück und genauso viel Frust wurde ich das Sofa wieder los. Seither sitze ich auf einem inzwischen locker 24 Jahre alten Modell. Problem gelöst.
Neues Sofa? Ne, lieber nicht. Besser ist das.

Holz-Möbel kaufen?

Zu Funierholz muß ich nach dem vorherigen Text wohl nicht viel sagen. Ich weiß nicht, wieviele Möbel ich schon bestellt, retouniert, woanders bestellt, auch retouniert habe, bis ich am Ende etwas fand, das irgendwann nicht mehr ausgaste.

Ergebnis: ein weißes Schwerlastregal aus Metall. Riecht nicht. Geht auch.

Und meine geliebten weißen Holz-Regale, deren Neumöbel-Gifte ich bereits um die Jahrtausendwende einatmete, werde ich behalten müssen, bis ich sterbe.

Naturholzmöbel sind allerdings auch nicht unbedingt die Lösung: die meisten Hölzer sind stabverleimt, d.h. da gasen zusammengenommen schnell einige Quadratmeter Leimflächen aus. Und Oberflächenbehandlung mit natürlichem Holz-Öl oder Wachs kann ebenfalls triggern. Und die Terpene und das Formaldehyd, welches Holz bereits von sich aus an die Welt abgibt, auch. Und wo gibt es heute noch echtes Bio-Holz, das nie mit Insektiziden oder Flammschutzmitteln in Berührung gekommen ist?

Die besten Werkstoffe für die meisten MCS-Kranken sind wohl Fliesen, Glas und Metall. Ungemein wohnlich…

Eine neue Matratze?

Wie soll man in einem Matratzenladen a) die dort vorhandenen Chemiedünste überleben und b) feststellen, welches der Exemplare weniger stinkt?

Ich schnupperte und lag mich auch durch sämtliche Bio-Produkte, aber auch wenn Roßhaar und Schafwolle nicht chemisch ist: bequem waren die Varianten nicht.

Zum Glück habe ich inzwischen ein Modell entdeckt, das gleichzeitig zum Rücken UND zur Nase paßt. Die Matratze mußte lediglich fünf Wochen ausdünsten und ist seitdem meine beste Freundin.

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Nun kauft man zum Glück nicht nonstop Möbel und Matratzen. Aber auch an sich perfekte Wohnungen kann man durch unglückliche Umstände schlagartig wieder verlieren.

Als Umweltkranker kannst Du täglich Deine verträgliche Wohnung „verlieren“

Während meiner Wohnungssuche wohnte ich beispielsweise zur unbefristeten Zwischenmiete in einer zauberhaften Altbau-Wohnung. Dann kam die Nachricht, daß in wenigen Wochen der Boden des kompletten Treppenhauses lackiert würde. Ich kippte um vor Schreck.

Telefonierte mit dem Handwerker. Las mir die Lack-Zusammensetzung durch (Hammerhart. Mußte sie ja auch als Treppenhauslack).
Überlegte, ob man einen Altbau mit offenem Dielenboden vorübergehend luftdicht versiegeln könnte (Kann man nicht, ich roch ja sogar die Meerschweinchen von unten.)

Das Ergebnis: unter vielen Tränen zog ich aus dem Schätzchen aus. Bis heute sehne ich mich nach dem schönen Wohnviertel in der Nähe des Winterhuder Marktplatzes zurück! Ich mußte damals also parallel eine neue Zwischenmiete und eine richtige Wohnung finden. Hallelujah MCS.

Am Ende fand ich die (scheinbar) perfekte Wohnung: mit durchgehendem Parkettboden, so daß ich Gerüche aus Nachbarwohnungen nicht durch den Boden hinein bekomme. Mit vielen großen, bodentiefen Fenstern, durch die ich lüften kann. Theoretisch.

Praktisch schrie das Leben: Fi… Dich, Frau E.!

Wenn Dein Nachbar 24/7 kifft..

Denn kaum hatte ich trotz schlimmer ME/CFS endlich in Mauseschritten alles ausgeräumt und aufgehängt und installiert, fiel mir auf, daß das, was ich für eine Kifferparty unter mir hielt, nie mehr aufhörte. Nonstop war meine Wohnung erfüllt mit süßen Cannabis-Schwaden.

Lüften? Meistens Fehlanzeige! Aus jedem Loch drang (und dringt) der Gestank in meine Wohnung. Begleitet von einem zum Übergeben süßen Wohnduftspray, der das Dauerkiffen des Nachbarn unter mir maskieren soll. Automatische Pumpen jagen alle 10-15 Minuten automatisch einen Schwall Chemie aus seinen Fenstern.

Seit 14 Monaten lebe ich inzwischen massiv eingeschränkt in dieser Wohnung. An meinen Vorschlag, daß er nur zur einen Seite des Hauses lüftet und ich nur zur anderen, hat er sich 80% der Zeit nicht gehalten. Und wann er sich dran hält, weiß ich ja auch nicht vorher.

Also muß ich immer neben offenen Fenstern sitzen bleiben. Oder hinterher eine Stunde tosend neben meinem Luftreiniger, der selber auch nur noch Gülp, Gülp sagt bei dem olfaktorischen Schnodder, den er da aufnehmen muß.

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Hinzu kommen Wohngifte IN meiner Wohnung. Hier gast es an allen Ecken und Enden aus. (Über Wohngifte schreibe ich nochmal separat.) Ergebnis: auch bei Minustemperaturen muß ich neben einem offenen Fenster schlafen. Im letzten Winter hat es mir aufs Bett geschneit. Für eine Nacht im Eishotel wäre ich also inzwischen trainiert.

Irgendwo heimisch werden? Für MCS-Patienten selten möglich

Nie kann ich entspannen. Nie kann ich entscheiden, wo ich wie lange bleibe. Immer sind es äußere Faktoren, die mich in die Flucht treiben. Und woher will ich wissen, ob ich die nächste Bleibe vertrage?

Landleben mit all den Pestiziden, die dort versprüht werden, ist schließlich auch keine sichere Option. Und wer umweltkrank und entsprechend geschwächt ist, benötigt meist auch eine gewisse Infrastruktur, um sich zu versorgen. Die gibt es aber nur in Stadtnähe.

Die eigene Wohnung, der sichere Zufluchtsort vor der chemikalisierten Welt ist für MCS-Patienten ein lebensbedrohliches Dauerthema. Manche haben schon 50 Wohnungen vergeblich bezogen und verlassen. Manche kampieren bei Freunden auf dem Balkon bei Minusgraden. Manche von uns leben in Zelten im Wald.

Als MCS-Patientin fühle ich mich gejagt wie ein Tier.

Ob wir vom Staat oder unseren Krankenkassen Hilfe erhalten? Nicht einen Cent. (Da ich bei dem Thema immer sooooo extrem Puls bekomme, blende ich es hier aus und vertage es auf einen separaten Post. )

Ich bin vollends verzweifelt und weiß: ich muß hier raus. Aber wohin? Und wie in meinem Zustand?

Aber ich wäre nicht Frau E., wenn ich nicht schon seit Jahren an einer Lösung tüfteln würde. Stichwort: ein wohngesundes Tiny House. Mehr dazu beim nächsten Mal! Muß weiter tüfteln..

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