Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) und Chemikaliensensibilität (MCS)

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Wie ich in meinem Infotext zu Mastzellerkrankungen schrieb, werden diese sehr oft von einer Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen begleitet. Hört sich so niedlich an. Als würde eine Dame ein wenig pikiert hüsteln und sich mit gezierter Geste ihr Taschentuch vors zarte Näschen halten.

Für mehr als 50% aller Mastzellpatienten aber hat ihre Empfindlichkeit die Intensität einer Multiplen Chemikaliensensibilität (MCS) und ist somit eine gravierende Folge ihrer Grunderkrankung.

MCS ist eine ernsthafte, teilweise lebensbedrohliche und das Leben massiv einschränkende Kondition!

Jedes Einatmen kann heftigste Reaktionen auslösen. Jeder Ort ist potentiell „kontaminiert“. Sowohl die eigene Wohnung kann triggern, wenn selbst „alte“ Möbel noch nach Jahrzehnten ausgasen, als auch jeder Kontakt zu anderen Menschen, die von Parfum über Deo, Waschmittel, Zigarettenrauch, gefärbten Lederjacken oder Schuhen zig Substanzen an sich tragen.

 

Wodurch entsteht das Krankheitsbild MCS?

MCS als Krankheitsbild kann auf verschiedenen Wegen ausgelöst werden:

  1. hochtoxische Exposition in kurzem Zeitraum
  2. niedrigtoxische Exposition über eine längere Zeit
  3. und eben auch als Symptom einer Mastzellerkrankung wie Systemischer Mastozytose oder dem Mastzellaktivierungssyndrom.

Grundsätzlich ist logisch, daß – warum auch immer  – dauergetriggerte Mastzellen genauso hysterisch auf inhalierte Stoffe reagieren, wie auf Reize aus der Nahrung oder andere Allergene.

Wenn Du beide Krankheiten parallel (entwickelt) hast, also das Mastzellaktivierungssyndrom und MCS, wirst Du vermutlich nicht eindeutig herausfinden können, welches davon die Henne ist und welches das Ei. Vielleicht wird dies in Zukunft mal möglich sein, wenn die Forschung eindeutige Marker für MCAS identifiziert hat. Aktuell gibt es zu viele verschiedene Ansätze und Bewertungen ihrer Aussagekraft.

Bis dahin kannst Du nur selber Sherlock Holmes spielen. Und das ist wichtig, denn, ob Deine Mastzellerkrankung primär ist, also aus kranken Mastzellen resultiert oder sekundär, als Folge einer anderen Immuntriggerung entstanden ist, spielt eine Rolle für eine mögliche Therapie.

Ich habe schon oft überlegt, wo ich erstmals mit nervenschädigenden Produkten in Berührung gekommen sein konnte. Mir fiel ein: ich bin in der „Generation Xylamon/Xyladecor“ aufgewachsen. Das war in meiner Kindheit ein ganz übliches Holzschutzmittel, das niemand verdächtigte.

Vielleicht waren die Holzdecken meines Kinderzimmers damit gestrichen. Was ich sicher weiß ist: mein Spielkamerad und ich haben als Kinderstreich 1-2 Liter davon aus der Garage seiner Mutter entwendet und auf unserer Straße vermalt. Das hielt locker zehn Jahre auf dem Asphalt.

„Mitte der 70er Jahre weitete sich der Markt durch den Heimwerker-Boom noch aus. Da die alten Holzgifte für die Verwendung in Innenräumen zu sehr stanken, änderten die Chemie-LaborantInnen die Rezeptur und ersetzten das Naphthalin durch Lindan und billiges, ungereinigtes Pentachlorphenol (PCP), das noch das spätere Seveso-Gift Dioxin enthielt. In der Folge machten die DESOWAG-Produkte XYLADECOR und XYLAMON sowie andere Holzgifte über 200.000 Menschen krank.“

Wenn ich heute lese, womit eine ganze Generation ihr Holz geschützt, aber sich selber lebenslang geschädigt hat, wird mir schlecht. Vor Wut über die Hersteller, die wissentlich hochgiftige Produkte aus Profitgier verkauften.

„Aufgrund der Toxizität, insbesondere beim Einatmen von Holzschutzmitteln (u. a. Xylamon BV, Xyladecor) in Verbindung mit Pentachlorphenol, kam es zu schweren Erkrankungen bei Menschen. Dies wurde im Frankfurter Holzschutzmittelprozess von 1991 bis 1993 behandelt. “ (Wikipedia)

Falls Du auch MCS-Patient bist, fallen Dir evtl. auch solche Gegebenheiten aus Deiner Kindheit ein?

Es ändert natürlich nichts mehr an unserem heutigen Zustand. Und ist sicherlich auch nicht der einzige Grund für unser Krankheitsbild. Aber ich finde es immer beruhigend, wenn ich Zusammenhänge verstehe und immer mehr Puzzle-Teile finde, die zu meinem multikausalen Krankheitsbild geführt haben können.

Denn nur, wenn wir unsere individuelle Ursache verstehen, können wir die biochemischen Prozesse begreifen und ggf. selbständig mit Hilfe von Nahrungsergänzungsmitteln experimentieren, bis wir eine Besserung verspüren.

Von der Schulmedizin gibt es aktuell nämlich nicht viel zu erwarten. Und das ist bereits ein Euphemismus.

Was löst eine MCS-Reaktion aus?

Die Reaktionen einer MCS entstehen meist durch Inhalation, können aber auch über die Nahrung oder die Haut in den Körper gelangen. Die Folgen sind nicht nur gesundheitlich gravierend – bis zum Tod durch einen Anaphylaktischen Schock – sondern auch massiv lebenseinschränkend.

Denn alles, was Chemie in die Raumluft abgibt, kann eine  tage- oder wochenlange Verschlimmerung einer Mastzellerkrankung auslösen. Vor allem chemische Gerüche durch Chemikalien in der Umwelt, in Baustoffen, Haushaltsprodukten oder Duftstoffen. Als Betroffener bist Du nirgendwo mehr sicher, weder zuhause noch unterwegs.

Meine Auslöser sind vor allem flüchtige organische Verbindungen ( (T)VOCs = (Total) Volatile Organic Compounds). Dies ist eine riesige Gruppe an Dämpfen, wie z. B. Formaldehyd, das über viele Jahre aus nahezu allen Wandfarben, Möbeln und Bodenbelägen etc. ausgast.

Nur, weil auf Deinem Farbeimer etwas von Bio oder schadstoffarm steht, heißt das nämlich nicht, daß kein Lösungsmittel enthalten ist. Es heißt lediglich, daß der Anteil an Lösungsmitteln unter einer gewissen Grenze liegt. Und die muß nicht unbedingt gesund sein. Aber dazu ein anderes Mal.

Was dünstet VOCs aus?

In der Gesamtsumme entstehen natürlich die meisten VOCs durch Industrie und Verkehr. Da wir modernen Menschen uns aber zu 90% unserer Zeit in Innenräumen aufhalten, sind Schadstoffe, auf die wir hier treffen für uns viel fataler.

Flüchtige organische Verbindungen dünsten in geschlossener Umgebung beispielsweise aus:

  • Möbel (egal, ob Furnier oder natur, aberLEIMt oder Plastik oder mit behandelter Oberfläche)
  • Bodenbeläge wie Teppiche, Laminat
  • stabverleimtes Holz, z.B. an Böden oder Tischen
  • Matratzen
  • Wände, Decken, einfach alles, was lackiert oder angestrichen wurde (siehe meine Odyssee, ein Zimmer zu renovieren)
  • Gummi, insbesondere dieses schweröllastige, billige schwarze, wie z.B. an Autoreifen oder Schlüsselanhängern oder als Stopper unter Geräten
  • Drucker, PCs, alle Geräte aus Plastik, die „am Besten“ auch noch warm werden
  • Parfums und Duftstoffe
  • Zigarettenrauch und Marihuanarauch
  • der chemische Geruchmix in Krankenhäusern und den meisten Arztpraxen
  • Innenräume von Autos (mehrere Hundert Toxine!)
  • Abgase, die beim Lüften in Deine Wohnung eindringen
  • Druckerfarben, Druckprodukte, Kopierer
  • Haushaltsgegenstände, die nicht aus reinem Glas, Keramik oder anderen Naturprodukten bestehen
  • Kleidung, Bettwäsche, allem aus Stoff, der gefärbt, imprägniert oder zum Transport mit Insektiziden behandelt wurde
  • jegliche Oberflächenbehandlung auch gesunder, natürlicher Oberflächen

Ein ganz eigenes Kapitel sind Duftstoffe. Und damit meine ich nicht nur Parfums. Es gibt ja inzwischen nichts mehr, das nicht beduftet ist. Von Zahnseide, WC-Papier über sämtliche Hygieneartikel, Waschmittel, Putzmittel, Kosmetika, Müllbeutel.

Auch die meisten Geschäfte und Supermärkte sind heutzutage chemisch kontaminiert. Künstlicher Backduft in Bäckereien und Supermärkten, frischer Duft in Hotels und Modegeschäften, Neuwagenspray in Autohäusern, dazu die pestilenzartige Verbreitung der Holz-Duftstäbchen in sämtlichen öffentlichen Toiletten.

Duftmarketing nennt sich das. Oder Luftveredelung. Ich nenne es Körperverletzung. Niemand braucht einen Stadtplan, wenn er zu Geschäften wie Hollister möchte. Einfach den Kopfschmerzen folgen. Und zuhause tagelang mit Mastzellschub im Bett liegen und sich fragen, wem eigentlich unsere Atemluft so gehört.

Wie ein Alltag mit Chemikaliensensibilität aussieht, erzähle ich im nächsten Teil. Kann – denke ich – nicht schaden, wenn Nicht-Betroffene und Ärzte mal sehen, wieviel Leben so übrig bleibt durch die „läppischen Gerüche“.

Eine sehr gute Übersicht zum Thema MCS findest Du beim Gemeinnützigen Netzwerk für Umweltkranke.

Foren zum Austausch gibt es zum Beispiel hier:

 

 

Haftungsausschluß: Ich bin Patientin und keine Ärztin, Apothekerin oder sonstiges medizinisches Fachpersonal. Was ich hier schreibe, ist meine persönliche Erfahrung aus über 20 Jahren chronischer Krankheit und der Beschäftigung als Nicht-Medizinerin mit meinen diversen Krankheitsbildern. Mein Ziel ist es, durch möglichst einfache Erklärungen komplexe Sachverhalte zu beschreiben und so auf mögliche Krankheitsursachen hinzuweisen.
Ich versuche, Erklärungen zu medizinischen Sachverhalten so gut wie möglich zu recherchieren, kann hier aber medizinische Diagnose(n), Beratung und Behandlung durch einen Arzt nicht ersetzen. Da sich Forschung ständig weiterentwickelt und ich hier sowieso nur eine Einführung ins Thema bieten möchte, empfehle ich, sich selber weiter in die Themen hinein zu lesen.
Meine Texte dürfen nicht als Grundlage zur eigenständigen Diagnose und Beginn, Änderung oder Beendigung einer Behandlung von Krankheiten verwendet werden. Konsultiere bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden immer einen Arzt Deines Vertrauens. Sofern Du dort jemals einen Termin erhälst. 😉