Facharzt-Termin: Neurologe, Suchmonat 9 (3/3)

Ich hatte also FÜNF Monate auf meinen ersten Neurologentermin hier in Hamburg gewartet. Nach fünf Monaten und fünf Minuten erfuhr ich: Neurologe 1 fühlt sich nicht zuständig.
Weil ihm der Schrägstrich Psychiater fehlt, um mir die Medikamente zu verschreiben, die ich aus nicht-psychiatrischen Gründen benötige, aber dennoch von einem Psychiater verschrieben bekommen soll. Man muß nicht alles verstehen.

Zurück auf Null.

Dann war ich bei einer Spezialsprechstunde für meine Mastozytose. Mir wurden 45l Blut abgezapft und der Auftrag für eine Untersuchung bei einem Endokrinologen und bei einem Neurologen erteilt. Nur zur Sicherheit. Bevor ich die Ergebnisse von diesen zwei Ärzten nicht habe, geht es in der Sprechstunde nicht weiter. Ich richte mich auf Sommer 2018 ein.

Untersuchen wird er ja wohl können, dachte ich mir, und rief wieder bei Neurologe 1 an.

Ja, untersuchen kann er. Einen Termin erhalte ich aber erst in weiteren fünf
Monaten.
Ja, aber, ich bin doch schon Patientin, rief ich ins Telefon. Voller Panik, daß die Dame auflegt und ich nochmal Stunden in einer Warteschleife hänge.
Ja, sagte die Dame. Das ist egal.
Wie egal?
Das dauert so lange.

Zurück auf Null.

Kopf auf die Tischplatte schlagen und von vorne beginnen. Wochenlang tot suchen. Dann bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mit Dringlichkeitscode einen Termin bei Neurologe 2 erhalten. Nur zwei Wochen Wartezeit. Weihnachten und Ostern zusammen.

Die zwei Wochen sind rum.
Am D-Day stecke ich mitten in eine Mastozytose-Migräne-Schub. Ich muß aber jetzt dahin. Tot oder lebendig. Ein ordentlicher Schluck Kortison extra
muß es richten.

Ich schleppe mich zur Bahn und gurke in die Stadt. Allein der Weg von der Bahn zum Neurologen dauert 10x so lange wie sonst. Aber ich bin da. Vermutlich sehe ich aus wie eine Leiche. Und die ist schlecht fürs Geschäft. So komme ich erstaunlich schnell dran.

Ich hätte Sie ja gestern so gerne angerufen, sagt Neurologe 2. Aber ich hatte Ihre Nummer nicht.
Warum angerufen?
Weil ich die Untersuchung nicht machen kann.
Warum??
Weil ich keine Geräte habe.

Pause. Schweigen im Raum. Ich befürchte, er hält mich für schwer von Begriff.

Geräte besitze ich leider keine in meiner Praxis. Die Untersuchung kann ich nicht durchführen.
Ich bin jetzt umsonst zu Ihnen gekommen???!!!
Leider ja.
Ich bin jetzt wirklich umsonst hier hin gegurkt??????????????!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Ich hätte Sie ja gerne angerufen, aber…
Wie kann es denn sein, daß Sie Neurologe ohne Geräte sind???
Weil ich nicht mehr als Neurologe praktiziere.
Und – Schnappatmung – warum werden Sie dann bei der KV als Neurologe geführt???!

Nun, der nette Arzt hatte versucht, das bei der KV streichen zu lassen. Ging aber nicht. Weil er die Zulassung als Neurologe hat. Und dann wird er da als Neurologe geführt. Und bekommt Termine als Neurologe zugewiesen. Egal, ob er als solcher tätig ist.

Ich habe eine Vagina. Also habe ich auch die Zulassung zur Prostituierten. Bin aber nicht als solche tätig. Würde aber, nach dem deutschen Gesundheitssystem, als solche geführt.

 

Da kämen dann reihenweise Herren an meine Tür und ich sach fröhlich: Ätsch. Ich hab lediglich die Zulassung.

Ich tick aus.

Ich kann nicht mal mehr viel sagen, so sehr ticke ich aus. Bekomme kaum noch Luft. Und fasel immer dasselbe. Daß ich seit acht Monaten versuche, einen Termin bei verschiedenen Fachärzten zu bekommen. Nonstop. Auf allen Wegen. Bisher völlig ohne Erfolg. Daß er schon der zweite Neurologe ist, vor dem ich völlg sinnlos sitze. Ob er eine Ahnung hätte, was es für einen Menschen wie mich bedeutet, sich aus dem Haus zu schleppen, quer
durch Hamburg, für NIX. Für absolut rein gar NIX???

Und daß jetzt mein Dringlichkeitscode verbraucht ist. Ich also nicht nochmal bei der KV anrufen kann. Und wieder zu einem Arzt muß, der mir einen neuen Dringlichkeitscode ausstellt. Um dann wieder in den Warteschleifen zu hängen. Und wieder wohin zu gurken. Und wer weiß, was dem dann wieder einfällt.

Während ich das fasele, bekomme ich Sorge, daß er gleich zwei Jungs mit Zwangsjacke aus dem Schrank zieht.

Ich weiß, er würde mich gerne loswerden.

Ich bleibe aber jetzt hier sitzen und schnappe so lange nach Luft und fasel rum, BIS ER ETWAS UNTERNIMMT, DAS MIR HELFEN KÖNNTE.

Ich glaube, das wird ihm auch langsam klar. Er sucht ein paar Namen von Gemeinschaftspraxen heraus. Hier, sagt er, da praktizieren elf Neurologen. Da bekommen Sie sicher einen Termin.

Ich schnappe schon wieder nach Luft. Dieser freundliche Arzt hat in seinem
Leben sicherlich noch NIE NIE NIE als Kassenpatient einen
Termin bei einem Neurologen vereinbaren müssen.

Außerdem kenne ich die Praxis. Die nehmen keine neuen Patienten. Gar nicht.
Das könne er sich nicht vorstellen.
Ich schon.
Rufen Sie da doch mal an, sagt er und möchte mich hinaus begleiten.
Mich begleitet aber jetzt niemand hier raus.

Wir haben Mittagszeit, sage ich.
Ach, da ist immer jemand da.
Oh Herr, jeder Arzt sollte mal ein halbes Jahr Kassenpatient sein.
Ich rufe an. „Sie rufen außerhalb..“
Er wundert sich. Ich nicht.

Als
dem Arzt dämmert, daß ich vorhabe, bis zum Feierabend da zu sitzen,
kommt ihm eine Idee: er könne einen Brief schreiben, der mich als
Patientin empfiehlt in der Praxis.

So weit ist es schon gekommen
in unserem Gesundheitssystem: als Patient braucht man
Empfehlungsschreiben, um überhaupt behandelt zu werden.

 

Nach dem Motto:
Patient XY hat eine besonders hübsche Schizophrenie gepaart mit
Alkoholismus und abplatzenden Zehennägeln..
Oh geil, den finde ich interessant. Nehme ich als Patient.

Er verspricht mir hoch und heilig, den Brief heute noch zur Post zu bringen.
Das finde ich sehr nett von ihm. Und mache mich auf den Heimweg.

Erschöpft. Noch kränker. Verzweifelt. Desillusioniert.
So sollte das Gesundheitssystem auf Patienten wirken.
Oder nicht?