„Du siehst aber gut aus.“

Plötzlich bleibst Du mit Deinem Wagen auf der Autobahn liegen. Pröt, pröt, macht der Motor. Dann ist er still. Der ADAC-Retter kommt, wirft einen kurzen Blick aufs Auto und schickt sich an, weg zu fahren. Ja, wollen Sie nicht vielleicht erst mal unter die Motorhaube schauen? Nö. Der sieht gut aus, der hat nix.

Gibt es nicht? Doch. JEDEN EINZELNEN TAG.

Wenn ich es mal vor die Tür schaffe, erlebe ich diese Reaktion bei 90% aller Menschenkontakte. Typischer Gesprächsablauf:
Wie geht’s?
Na ja, eine Woche vor lauter Schmerzen und Elend wieder nicht aus der Wohnung gekommen.

Du siehst aber gut aus. – Na, dann. Muß ich mich wohl geirrt haben.

 

Natürlich geht es mir in dem einen Moment besser, als die Tage zuvor. Sonst stünde ich ja gar nicht erst auf der Strasse. Aber das ist nur ein Moment. Eine Feuerpause in meinem bereits 20-jährigen Krieg.

Nun kann ich den Menschen schlecht einen Vorwurf machen, daß sie das Bild nicht mit dem Ton zusammenbekommen. Meine Krankheit zaubert pinkfarbene Wangen. Ich sehe auch ungeschminkt aus, als käme ich frisch vom Almabtrieb. Aber ist intelligent, die Zustände der Welt nach ihrem Aussehen zu beurteilen?

Der Kommentar verletzt mich. Und alle unsichtbar Kranken, die mir bekannt sind, auch. Damit Gesunde eine Chance haben, dies zu verstehen, erzähle ich hier von einigen der Gründe:

1.) Nein, das indirekte Kompliment, daß ich frisch aussehe, muntert mich nicht auf. Null. Ich hätte es in den letzten zwei Jahrzehnten lieber deftig krachen lassen und sähe jetzt aus wie Mick Jagger, anstatt wohl konserviert mit Schneewittchenteint zuhause zu hocken.
Da könntest Du genauso jemandem während einer Hungersnot sagen: Mensch, sieh es doch mal so: Du hast eine Top-Figur!

2.) Daß es Menschen gibt, die sich dezidiert mit ihrem Aussehen beschäftigen können, ist mir inzwischen ziemlich fremd. Ich bin froh, wenn ich die Kraft finde, zu duschen. Wenn Du nonstop in den Wehen lägest, würdest Du Dir dabei auch nicht noch die Haare ondulieren. Du hechelst und betest, daß der Schmerz nachläßt. Und wenn er das mal macht, dann hast Du eher Hunger als Lust auf Schminkpinsel. Mascara und bissi Puder muß reichen, wenn ich es mal drauf anlege.

3.) Warum sollen wir Chroniker uns freuen, bei allem dem Leid noch gut auszusehen? Für was denn bitteschön? Wir sitzen doch sowieso 95% der Zeit zuhause. Meinem Laptop ist es wurscht, ob ich aussehe wie ein eingetretenes Kellerfenster oder wie Prinzessin auf der Erbse.

4.) Wenn ich so krank aussähe, wie ich in Wirklichkeit bin, wäre mein Leben 200x leichter. Dann würden mir Ärzte meine Qualen nämlich direkt glauben. Und nicht erst, wenn sie mich länger kennen.

Frau E., sagte mal ein damals neuer Schmerzspezialist zu mir, ich habe hier Patienten sitzen, die weinen die ganze Zeit. Denen geht es wirklich schlecht.

Ich stand in der Zeit wegen wochenlanger clusterartiger Schmerzen kurz davor, mich aus dem Fenster zu werfen. Sah aber gut aus. Meine Disziplin, mein Bemühen, Lösungen zu finden und mein gesundes Aussehen sind ein fulminanter Nachteil im Umgang mit Ärzten und Mitarbeitern im Gesundheitssystem. Und das sind die Menschen, die über mein weiteres Schicksal entscheiden. Die mich begutachten für Krankenkassenanträge und Renten.

Wer hilft schon jemandem, der augenscheinlich keine Unterstützung braucht?
Die Tür, die am Meisten quietscht, bekommt das Öl.

5.) Wenn ich so krank aussähe wie ich bin, würden ältere Menschen nicht hörbar über mich lästern, wenn ich ausnahmsweise mal sitzenbleibe und mir denke, daß der junge, am Smartphone festgetackerte Hansel mir gegenüber jetzt mal seinen Platz an sie abgeben könnte.

Man würde mich auch nicht hetzen, wenn ich schon hechel, weil ich eine Treppe steigen muß. Oder mir flapsige Sprüche reindrücken, wenn ich ehrlich äußere: Sorry, dafür reicht meine Kraft nicht aus.

6.) Und was soll eigentlich dieses ABER in dem Satz?

ABER klatscht ins Gesicht wie ein nasser, dreckiger Wischmop.
ABER vermittelt, daß man lügt, simuliert, übertreibt.
ABER erklärt all die Stunden atemlosen Schmerzes, von Verzweiflung und Elend zu einem Nichts.

Daß es Menschen mit chronischen Krankheiten viel schlechter gehen kann, als jenen, die sichtbar im Rollstuhl sitzen, scheint nicht vermittelbar.

Tagein, tagaus argumentieren müssen, etwas nicht zu bewältigen, kostet zusätzlich Kraft. Und diskriminiert unsichtbar Kranke. Wo sind eigentlich die ganzen Gleichheits-Aktivisten, wenn es um uns geht?

„Ich möchte gar nicht mehr unter Leute. Die Sprüche der Gesunden verletzen mich zu sehr.“ Das höre ich von jedem, der betroffen ist. Und so werden wie immer einsamer. Weil Einsamkeit manchmal besser zu ertragen ist, als die vielen verbalen Messerstiche durch Menschen, die eigentlich den ganzen Tag auf Knien rutschen sollten vor Dankbarkeit, gesund zu sein.

Vielleicht sollten wir den Spiess mal umdrehen.
Der schluchzenden Nachbarin, die ihren Mann eben mit ihrer besten Freundin im Bett erwischt hat, fröhlich auf die Schulter klopfen: Sie sehen aber gut aus!

Auf den Friedhof marschieren und eine Beerdigung crashen. Sind Sie der Witwer? Sie sehen aber gut aus!

 

Job verloren? Sieht man Ihnen nicht an, Herr Schmidt! Sie sehen blendend aus. Ja, ich glaube, das gönne ich mir demnächst mal.

Eigentlich könnten wir sämtliche Untersuchungsgeräte abschaffen. Wozu röntgen, wenn doch jeder sieht, ob man etwas hat?
Krankheiten wie chronische Schmerzen, Morbus Crohn, Epilepsie, Fibromyalgie, Borreliose, Multiple Sklerose, Depressionen, Rheuma und all die anderen Millionen unsichtbaren Leiden.
Alles Fakes?

Jeder 11. Bundesbürger ist schwerbehindert.
7,5 Millionen Menschen.

Nach Logik der „Aber man sieht nix-ens“ müssten Büros und Busse zum Bersten gefüllt sein mit Rollstuhlfahrern. Die ganze Stadt würde erbeben vom Geklapper der Blindenstöcke.

Vielleicht konsultiere ich demnächst mal einen Schönheitschirurgen. Können Sie Derrick?, werde ich fragen, und mit einem Foto seiner fulminanten Tränensäcke wedeln. Dann habe ich endlich Ruhe.

Und allen, die weiter so denken möchten, empfehle ich einen Umzug nach Fukushima. Bissi krebserregend vielleicht.
Sieht aber gut aus.