„Das kann nicht sein.“

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Vor rund einem Jahrzehnt, als ich fast täglich Migräne hatte, verordnete mir ein Spezialist Betablocker zur Prophylaxe. Plötzlich bekam ich etwas, das aussah wie Neurodermitis, sich anfühlte wie Neurodermitis und nicht mehr wegging wie Neurodermitis.
Bis dato hatte ich nicht einen Pickel gehabt. Auch nicht in der Pubertät.

Jetzt sah ich aus, als wäre ich unter einen Vertikutierer geraten und danach mit Salzsäure übergossen worden.

Gesicht, Oberkörper und Arme schuppten glühendrot vor sich hin und brannten wie Feuer.
Ich fragte den Arzt, ob das eine mögliche Nebenwirkung der Betablocker sei. „Das kann nicht sein.“
Rumms. Als Patient fühlt man sich selten so unverstanden und deppig, wie bei dieser Antwort.

Ich erhielt Kortisonsalbe. Half nichts.
Ich aß keine Zitrusfrüchte mehr. Half nichts.
Ich aß auch sonst nichts mehr – außer Reis. Half nichts.

Irgendwann setzte ich die Tabletten einfach ab. Die „Neurodermitis“ verschwand, wie sie gekommen war. Meine Haut war glatt wie ein Babypopo. Und was sagte der Arzt, als ich ihn nochmal darauf ansprach:

„Das kann nicht sein.“ Dieser niederschmetternde Satz begleitet mich bereits durch über 20 Jahre chronischer Krankheit, zig Medikamentenversuche, Krankheitssympsome und ebensoviele Ärzte.

Egal, ob aus dem Nichts heraus die Leber Limbo tanzt oder einem die Ohren abfallen: 90% der Ärzte sagen stoisch „Das kann nicht sein.“

Am Ende erwiesen sich die schrägen Symptome aber meist doch als Nebenwirkung eines Medikaments. Oder als Symptom einer Krankheit, die der Arzt nicht kannte. Daß ich 6-8 Stunden nach dem Essen einer Tomate aus dem Nichts schwer depressiv werde zum Beispiel.

Heute weiß ich, daß diese schräge Reaktion mit meiner Mastzellerkrankung zusammenhängt. Die 15 Jahre davor aber wurde ich von diversen Ärzten für psycho erklärt. Genauso wie für die anderen 25 Symptome meines Mastzellaktivierungssyndroms. „Sorry, Frau E., daß ich Ihnen damals nicht geglaubt habe.“, den Satz dagegen habe ich hinterher kein einziges Mal gehört.

Sobald mir wieder ein Arzt diesen Spruch an den eh schon geplagten Kopf schleudert, könnte ich inzwischen stante pede ausflippen. Dann möchte ich auf den Schreibtisch springen, ihn am Kragen hochziehen und schütteln, bis er sich auf Knien für seine Ignoranz entschuldigt. Wenn ich nicht gerade fast in Tränen ausbreche vor lauter Verzweiflung.

Prinzipiell kann nämlich ALLES sein. Jeder Patient ist ein hochkomplexes System, das – warum auch immer – auf jeglichen Stoff reagieren kann. Und allein in Deutschland 82 Millionen individuelle Systeme will ein Arzt in einem Studienhandbuch von vor zig Jahren gelernt und verstanden haben?

Jede Wirkung hat eine Nebenwirkung. Actio und reactio. Das sollte ein Naturwissenschaftler eigentlich wissen.

Inzwischen übersetze ich den Satz zugunsten meines Nervenkostüms wie folgt:

„Liebe Frau E., in diesem medizinischen Teilbereich bin ein kleines Dummerle, besitze aber nicht die Größe, dies zuzugeben. Deshalb vermittele ich Ihnen lieber, daß Sie einen kleinen Haschmich haben. Dann fühle ich mich besser. Tut mir leid.“

Seitdem geht es mir besser.

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