Gefangen im chronischen Schmerz: Gedanken nach 7 Wochen Turbo-Migräne

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„Immer, wenn Du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo noch mehr Krankheitsmist her.“

Frau E.

Es gibt Zeiten, das fühlst Du Dich dem Tod näher als dem Leben. Ich bin inzwischen in der 7. Woche Dauermigräne-Trigeminus-Schmerzgemisch. Von einer Heftigkeit, bei der ich manches Mal dachte, daß mein Herz einfach zu schlagen aufhört. Alles, was ich in 20 Jahren Schmerzen als wirksam erlebt habe, fruchtet aktuell nicht. Oder nur extrem kurz.

Anfang März mit aller Wucht den Kopf unter einen Türrahmen zu donnern, hat wohl doch Spuren hinterlassen. Lange Beine haben eben so ihre Tücken. Wenigstens hat das Kernspin kein Blutgerinsel entdeckt. Diverse osteopathische Behandlungen, die bei mir sonst Wunder wirken und länger vorhalten, haben immer nur sehr kurzfristig den Druck aus dem Kopf genommen.

Kommt aber auch gerade viel zusammen: der „Dachschaden“, die ständigen Temperaturschwankungen, das generell wärmere Wetter, meine Pollenallergie, eine fette Erkältung und eine Dosis Herzschmerz.
Chronische Schmerzen sind ja meistens multifaktoriell. Ist der Berg an Triggern zu groß, muß man Schritt für Schritt alles wieder abbauen. Doch nicht alles läßt sich selber wegschaffen. Manchmal ist es die beknackte Zeit, die Wunden heilt.

Wenn Schmerzen täglich wieder kommen, liegt alles brach

„Täglich grüßt das Murmeltier“: Jeden Morgen die Hoffnung, daß es der erste Tag wird, den ich ohne zusätzliche starke Medikamente überstehe. An dem ich nicht die meiste Zeit apathisch oder hechelnd vor Schmerzen auf meinem Bett liege. Und mein Sein nur noch Ertragen ist.

Das ganze Leben liegt brach. Alles verdichtet sich auf den einen Wunsch: zurück auf normal schlecht. Auf das, was mir mein Umzug nach Hamburg gebracht hat: Leben mit Stunden und sogar Tagen ohne Migräne. Fast zwei Jahre nach meinem Wegzug aus dem Terrorklima hatte ich fast vergessen, wie unfaßbar elend es mir im Rheinland ging. Jetzt weiß ich es wieder.

Der Mensch gewöhnt sich schnell an Besseres. Wie habe ich das 11 Jahre lang ertragen? Vermutlich genauso wie ich es jetzt ertrage: im Schmerz ist kein strukturiertes Denken möglich. Kein planerisches Handeln. Kein Analysieren.

Der Schmerz frißt alles Wollen und alles Streben. Er frißt Interesse und Aufmerksamkeit. Hunger und Durst. Er frißt Eitelkeiten und das Ego. Er frißt Freundschaften und die Liebe. Er frißt und frißt und läßt von Dir nichts über als ein Stück Fleisch, das sich mühselig mit Wasser und Haferflocken am Leben hält. Weil es in unserem Gesundheitssystem nicht vorgesehen ist, daß Menschen ohne Kinder im Haushalt wenigstens phasenweise mal Hilfe erhalten.

Chronische Schmerzen schieben Dich in eine Parallelwelt

Durch den Spalt im Vorhang ein Blick auf die Welt. Es wird Tag. Menschen gehen dem nach, was normale Menschen so tun. Lachen, mit Kindern spielen, grillen, radfahren. Sich über den neusten Weber-Grill unterhalten oder die letzte Urlaubsreise. Es wird Nacht. Die Lichter verlöschen. Niemand bemerkt, daß sich hinter einem der Fenster seit Wochen nichts rührt.

Es gibt eine Welt da draußen. Nur ein paar Meter entfernt. Doch unerreichbar. So fremd. So fern. Ich schaue Euch beim Leben zu. Seit vielen, vielen Jahren. Mal fesselt mich mein Fatigue Syndrom an die Wohnung, mal der Schmerz. Mal beides. Immer ist irgendwas.

Und wenn ich es mal hinaus schaffe, zwei gestohlene Stunden hier und dort, dann sehe ich aus wie ihr. Und ihr haltet mich für glücklich. Weil ich strahle, für Stunden aus meinem Kerker entkommen zu sein. Dankbar bin für den Moment. Für eine Erinnerung an das, was bis zu meinem 27. Lebensjahr auch für mich selbstverständlich war. Und im Minutentakt der Killer-Spruch: Du siehst aber gut aus.

Aber ich weiß auch in den glücklichen Momenten schon, daß der Zahltag naht. Daß ich einen bitteren Preis werde zahlen müssen für diesen kleinen Ausflug in die reale Welt. Ich weiß, die Aktion wirft mich doppelt zurück.

Mit der Zeit vergißt Du als Schmerzpatient, wie „normales“ Leben abläuft

Hab vergessen, wie das ist, so ein Leben, in dem man einfach irgendwo hin geht, Spaß hat, nach Hause geht. Und nichts passiert. Keine 30 hechelnden Schmerz-Stunden, keine Extra-Tage Fatigue, keine tobenden Mastzellen mit komplett schlaflosen Nächten. Einfach das zu machen, was als nächstes auf der Agenda steht.

Unfaßbar, daß es das gibt. Leben ohne permanentes Leiden. Leben, das nicht nur Kampf bedeutet. Unfaßbar, daß Menschen, die das erleben dürfen, nicht nonstop eine La-Ola-Welle machen vor Glück. Aber so ticken Menschen einfach.

Nur wer schon mal ganz unten war, weiß zu schätzen, wenn der Fahrstuhl sich zur Abwechslung mal aus dem Keller ins Erdgeschoß bewegt. Und ist auf Knien dankbar für einen Moment des Friedens in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Und wundert sich über all die Gesunden, die sich selber das Leben versauen, um es vielleicht mal ins Penthouse zu schaffen.

Letztendlich ist die Essenz des Lebens etwas, das man nicht kaufen kann. Egal, ob körperlich oder seelisch:  Glück ist die Abwesenheit von Schmerz.