Chronische Schmerzen: Das Soldaten-Syndrom

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Da war er wieder, der bei mir so beliebte Spruch einer Teilzeit-Migränikerin: Wenn sie Migräne habe, vermöge sie nur im Dunkeln zu liegen und ganz in Ruhe. Also können meine Schmerzen ja keine Migräne sein.

Jou, die ersten 500 mal habe ich mir das auch gegönnt, hätte ich da sagen können. Hab ich aber nicht. Weil ich bei diesen Spezis immer sprachlos bin. Sag ich es also hier. Wofür habe ich denn einen Blog. Um mal gehörig vom Leder zu lassen zum Beispiel.

Süße, mir hat man den Kopf aufgefräst und 12 Stunden darin rum gewühlt. Wenn jemand, dem man den Kopf aufgefräst hat, danach noch 20 Jahre (ja zwanzig) weiterhin rund 5-7 Tage die Woche Schmerzen von Migräne bis suicide pain hat, was denkst Du eigentlich, was in der Zeit passiert?

Ja, genau.
Das, was auch bei Soldaten passiert.

Die bleiben auch nicht auf dem Schlachtfeld liegen, nur weil bissi die Schulter durchgeschossen ist. Die rennen auch noch mit nem „abben“ Bein durch die Gegend.

Das ist Abhärtung. Zähne zusammenbeißen. Lernen, mit Schmerz umzugehen. Und sich nicht anstellen. Dem Leben noch Saft rausquetschen.

Mitnichten sind meine Schmerzen weniger doll, als bei Euch Teilzeit-Schmerzlern!

Aber wie würdet Ihr denn bitte den Rest Eures Lebens verbringen, wenn Ihr nahezu JEDEN Tag Schmerzen hättet?

Gut, vielleicht habt Ihr einen Lebensabschnittsmenschen, der alles macht. Einkauft, kocht, putzt, aufräumt, die Steuern, die Lebensverwaltung und die ewigen Streits mit der Krankenkasse. Oder einen Butler?

Hatte ich nie. Und ich habe noch 16 Jahre mit fast täglicher Migräne gearbeitet. Kommt gut das Licht eines Overheadprojektors und 50 Paar Augen, die eine Präsentation erwarten, bei der die Frau im Hosenanzug nicht auf die Folien reihert.

Aber nehmen wir mal an, Ihr Kommentier-Spezis wäret Erbinnen und müßtet das alles nicht. Würdet Ihr nicht auch mal so nach zwei oder drei Jahren im Bett mit geschlossenen Vorhängen und totaler Stille denken:

So. Meine Psyche kackt ab.
Ich muß Menschen sehen.
SOFORT.
EGAL WIE.

Ich hau mir jetzt mal gepflegt alles rein, was der Markt hergibt und dann gehe ich mit den Restbeständen meines Seins doch noch unter Menschen.

Gut, kommt mir halt mein Mageninhalt hoch, wenn ich dort Essensdüfte abbekomme oder Parfums oder Odeur ungewaschener Unterhosen.
Aber ich bin da.

Mit Dolch im Auge. Fast hechelnd vor Schmerzen. Aber ich kann ein wenig zuschauen. Und ein paar Worte wechseln. Trotz allem eine Runde lachen. Und dadurch das Gefühl bekommen, noch auf diesem Planeten existent zu sein.

DAS ist der Grund, warum Menschen, die chronische Schmerzen haben, TROTZDEM mal unterwegs sind.
Und dann ordentlich Gas geben. Also: Ihr Gas, nicht das eines Gesunden. Denn sie wissen nie, wann die nächste Gelegenheit kommt.

Chroniker sind die eigentlichen Soldaten des Normal-Lebens

Menschen, die nicht mal eben was Akutes für ein paar Monate haben, sondern über Jahrzehnte durchhalten.

Und nicht, weil sie keine richtige Migräne haben. Oder kein reales Mastzellaktivierungssyndrom. Oder keine wirkliche Fibromyalgie. Oder kein schlimmes Rheuma. Oder keine üble Multiple Sklerose. Oder was man sich sonst noch alles schlimmes Chronisches an Land ziehen kann.

Darüber können die, welche uns Chronikern solche Sprüche an den Kopf knallen, gerne mal ein Minütchen drüber nachdenken.
Oder zwei.

Und dem Rest von Euch: ein fetter Tusch !!!

Den Kranken fürs Durchhalten.
Und denjenigen Gesunden, die erst mal eine Runde nachdenken vor ihren Aussagen, fürs Keine-doofen-Kommentare-abgeben.

Ihr seid toll!

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